Lyrikmail #2513 Tucholsky – In Weißensee

Jüdischer Friedhof Berlin WeißenseeIn Weißensee

Da, wo Chamottefabriken stehn
– Motorgebrumm –
da kannst du einen Friedhof sehn,
mit Mauern drum.
Jedweder hat hier seine Welt:
ein Feld.
Und so ein Feld heißt irgendwie:
O oder I …
Sie kamen hierher aus den Betten,
aus Kellern, Wagen und Toiletten,
und manche aus der Charité
nach Weißensee,
nach Weißensee.

Wird einer frisch dort eingepflanzt
nach frommem Brauch,
dann kommen viele angetanzt –
das muß man auch.
Harmonium singt Adagio
– Feld O –
das Auto wartet – Taxe drei –
– Feld Ei –
Ein Geistlicher kann seins nicht lesen.
Und was er für ein Herz gewesen,
hört stolz im Sarge der Bankier
in Weißensee,
in Weißensee.

Da, wo ich oft gewesen bin,
zwecks Trauerei,
da kommst du hin, da komm ich hin,
wenns mal vorbei.
Du liebst. Du reist. Du freust dich, du –
Feld U –
Es wartet in absentia
Feld A.
Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P – in Weißensee –
in Weißensee.

 

Kurt Tucholsky (1890-1935)

veröffentlicht als Theobald Tiger in  Die Weltbühne, 19.05.1925, Nr. 20, S. 741,

Lyrikmail #2511 Apel – zimt und kokain

zimt und kokain

nichts aber auch nichts ist hier und von nichts keine ahnung
sage ich immer und immer wieder stürzt atem aus meinem mund
der gefroren ist oder rauch

die wurstmenschen gammeln schon / vor den buden gebeugt, verhagelt
vom pisswarmen wein völlig verdroschen ziehen wir weiter

kein wort über schaufenster. sachschaden irgendwo thrashmetal
auf kunstschnee und eine ahnung von porzellan

Mario Apel (*1988)

Mario Apel, 1988 in Berlin geboren, lebt in Leipzig. aus: Im Heiligkeitsgedränge. Neue Weihnachtsgedichte (8 Euro, Verlag Lettrétage) Rezension zu Im Heiligkeitsgedränge
Bestellen: info@lettretage.de oder beim gut sortierten Buchhändler

 
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (zuletzt: Berliner Fenster, Berlin Verlag 2011), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Im Heiligkeitsgedränge, Verlag Lettrétage 2010).
berlinerfenster-gedichte.de

Lyrikmail #2510 Trakl – Ein Winterabend

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
lang die Abendglocke läutet,
vielen ist der Tisch bereitet
und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
auf dem Tische Brot und Wein.

Georg Trakl (1887-1915)

der Autor: geboren am 3.02.1887 als Sohn eines wohlhabenden Eisenhändlers in Salzburg. Nach Abbruch der Schule versucht er sich erfolglos als Pharmazeut. Zu Beginn des 1. Weltkrieges geht er als Militärapotheker an die Front. Aufgrund seiner
Erlebnisse während der Schlacht bei Groden, erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Neben G. Heym, E. Stadler u. F. Werfel gehört er zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Frühexpressionismus. Das inzestuöse Verhältnis zu seiner Schwester
Margarethe fand in zahlreichen Gedichten seinen Niederschlag. In seiner von Baudelaire u. Rimbaud beeinflussten Dichtung dominieren Metaphern der Trauer und des Weltekels. Seine Lyrik ist geprägt von Resignation Untergangsahnung. Er stirbt am 3.11.1914 im Feldlazarett bei Krakau an einer Überdosis Kokain, nachdem er zuvor schon einige Male erfolglos versucht hatte, sich umzubringen.

Lyrikmail #2509 Greiffenberg – Das Tugend-ersprießliche Unglück

Das Tugend-ersprießliche Unglück

Der blaue Himmel gibt nicht fruchtbar-sanfften
Regen.
Es treuffet keinen Thau der strahlende Mittag.
Der schöne Demant auch zu nehren nicht vermag.
man muß / will man zum Port / das Wasser ja
bewegen.
Die Traid-bekleidten Berg / nit Gold und Silber
hegen.
So kan die Tugend auch nit blühen sonder Plag.
in gutem Glück sie grob ohn’ allen Glanz da lag /
in Müh und Arbeit wolt der Höchst den Segen legen.
im sauren Meer / und nicht im süssen wachs
Palast /
die theuren Perlein seyn. Also / in vollen Freuden
wird keine Himmels Zier / kein Tugend / nicht
gefasst:
Ihr Balsam-Geist riecht nur im Schmerz-geritzten
Leiden.
Die Sonn müst / solt ein Land sie stets bescheinen /
stehn.
wann keine Nohtnacht wär / würd kein Lust-Sonn
aufgehn.

Catharina Regina von Greiffenberg (1633-1694)

die Autorin: Geboren am 7. 9. 1633 auf Burg Seyssenegg bei Amstetten (Niederösterreich), gestorben am 10. 4. 1694 in Nürnberg.

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