Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserai,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End,
Auch ich schreib meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, daß ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.

Gottfried Keller (1819-1890)

Der grüne Heinrich. Zweite Fassung

(Lyrikmail #313)

Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muss sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Buchtipp: »Hiersein ist herrlich.« 365 Tage mit Rilke (insel taschenbuch)

(Lyrikmail #162)

stadt/rand/oktober

bunt fällt von den bäumen
noch einmal kurz
wirbelt das jahr
unter den spazierenden schritten
im park
den tödlichen ausgang
eines ehestreits
bekundet
eine weggeworfene zeitungsseite
etwas weiter
von einer grünen parkbank
fliehen rauchwolken einer zigarre
in den stadthimmel
ein großvater stützt sich
auf einen glattgeschliffenen holzstock
und zieht ein bein nach

Achim Wagner (*1967)


(©) beim Autor www.achimwagner.com

vor einer ankunft. Yerdermann Verlag, 2006

(Lyrikmail #158)

Du liebst und schweigst

Du liebst und schweigst – O hätt ich auch geschwiegen,
Und meine Blicke nur an dich verschwendet!
O hätt ich nie ein Wort dir zugewendet,
So müßt ich keinen Kränkungen erliegen!

Doch diese Liebe möcht ich nie besiegen,
Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet!
Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet,
Wo selig Engel sich an Engel schmiegen.

Drum laß des Wahns mich, daß du liebst, mich freuen,
Damit die Seele nicht mir ganz veröde,
Und meinen Glauben möge nichts zerstreuen!

O Glück, verweigre nicht mir allzuschnöde
Den Tag, an welchem seinem Vielgetreuen
Die ganze Seele zeigt der schöne Spröde!

August von Platen (1796-1835)

Buchempfehlung: Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)

(Lyrikmail #155)

Drei Dinge

Drei Dinge haben hier im Leben Macht:
Der Neid, die Hoffahrt und die Niedertracht;
Doch, wenn sie dich auch noch so schön bespucken,
Am Ende wirst du sie zu Boden ducken!

Verloren aber bist du auf der Welt,
Wenn sich die Dummheit dir entgegenstellt:
Sie setzt Spinoza hinter Löbel Pintus
Und hat die Weisheit aller Zeiten intus!

Sie lacht wie ein Kretin dir ins Gesicht
Und lästert alles, nur sich selber nicht;
Und nichts bleibt übrig dir vor diesem Viehchen
Als sacht dich in dich selber zu verkriechen!

Arno Holz (1863-1929)

Buchempfehlung Phantasus: Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung (Reclams Universal-Bibliothek)

(Lyrikmail #892)

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