Drei Dinge

Drei Dinge haben hier im Leben Macht:
Der Neid, die Hoffahrt und die Niedertracht;
Doch, wenn sie dich auch noch so schön bespucken,
Am Ende wirst du sie zu Boden ducken!

Verloren aber bist du auf der Welt,
Wenn sich die Dummheit dir entgegenstellt:
Sie setzt Spinoza hinter Löbel Pintus
Und hat die Weisheit aller Zeiten intus!

Sie lacht wie ein Kretin dir ins Gesicht
Und lästert alles, nur sich selber nicht;
Und nichts bleibt übrig dir vor diesem Viehchen
Als sacht dich in dich selber zu verkriechen!

Arno Holz (1863-1929)

Buchempfehlung Phantasus: Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung (Reclams Universal-Bibliothek)

(Lyrikmail #892)

Auf einem Berg aus Zuckerkant

Auf einem Berg aus Zuckerkant, / unter einem blü-
henden Machandelbaum, / blinkt mein Pfefferkuchen-
häuschen. // Seine Fensterchen sind aus Goldpapier, /
aus seinem Schornstein raucht Watte. // Im grünen
Himmel, über mir, rauscht die Weihnachtstanne. // In
meinem See aus Staniol / spiegeln sich alle ihre
Engel, alle ihre Lichter! // Die kleinen Kinder stehn
rum / und staunen mich an. // Ich bin der Zwerg Turli-
tipu. // Mein dicker Bauch ist aus Traganth, / meine
Beinchen Streichhölzer, / meine listigen Aeugelchen /
Korinthen.

Arno Holz (1863-1929)

Buchempfehlung Phantasus: Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung (Reclams Universal-Bibliothek)

(Lyrikmail #2494)

Lyrikmail #2394 Holz

Ich bin der reichste Mann der Welt! // Meine silber-
nen Yachten / schwimmen auf allen Meeren. // Gold-
ne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan, / in
himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlös-
ser, / auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gär-
ten. // Ich beachte sie kaum. // An ihren aus Bronze
gewundenen Schlangengittern / geh ich vorbei, / über
meine Diamantgruben / lass ich die Lämmer grasen. //
Die Sonne scheint, / ein Vogel singt, / ich bücke
mich / und pflücke eine kleine Wiesenblume. // Und
plötzlich weiss ich: ich bin der ärmste Bettler! // Ein
Nichts ist meine ganze Herrlichkeit / vor diesem
Thautropfen, / der in der Sonne funkelt.

Arno Holz (1863-1929)

Phantasus

Lyrikmail #2365 Holz

An Neunundneunzig von Hundert!

Ihr schwatzt befrackt hoch vom Katheder
Von alter und von neuer Kunst,
Von Fleischgenuß und Sinnenbrunst,
Und gerbt nur Leder, altes Leder!

Ihr laßt um jede Attitüde
Ein weißgewaschnes Hemdchen wehn,
Denn um die Schönheit nackt zu sehn,
Sind eure Seelen viel zu prüde!

Arno Holz (1863-1929)

Phantasus

Lyrikmail #1960 Holz

 

An die Conventionellen

Ihr habt genug mein armes Hirn gebüttelt,

Ich käu nicht wieder wie das liebe Vieh;

Längst hab ich von den Schuhen ihn geschüttelt,

Den grauen Schulstaub eurer Poesie!

 

Ich hab mich umgesehn in meinem Volke

Und meiner Zeit bis tief ins Herz geschaut

Und nächtlich ist aus dunkler Wetterwolke

Ein heilig Feuer in mein Lied gethaut.

 

Nun ruf ich zu des Himmels goldnen Kronen:

Dreimal verflucht sei jegliche Dressur!

Zum Teufel eure kindischen Schablonen!

Ich bin ein Mensch, ich bin ein Stück Natur!

 

Arno Holz (1863-1929)