Lyrikmail #1788 Holz

Russisch!

Sei doch kein Tropf, mein süsses Söhnchen!
Steck ein das lumpige Milliönchen!
Du kennst ja die Moral der Zeit:
Der Himmel ist hoch und der Czar ist weit!

Arno Holz (1863-1929)

Lyrikmail #1525

Arno Holz (1863-1929)
In graues Grün
verdämmern Riesenstämme
Von greisen Ästen
hängt
in langen Bärten Moos.Irgendwo.. hämmernd.. ein Specht.Kommt der Wolf? Wächst das Wunschkraut hier?

Wird auf ihrem weissen Zelter,
lächelnd,
auf mein klopfendes Herz zu,
die Prinzessin reiten?

Nichts.
Wie schwarze Urweltkröten,
regungslos,
hockt am Weg der Wachholder.

Zwischendurch
giftrot
leuchten Fliegenpilze.

Lyrikmail #1440

Arno Holz

Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln
Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen …

So heimlich war es die letzten Wochen,
Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
Die Dächer lagen dick verschneit
Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
Sass daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich’s versah,
Mit einem Mal war sie wieder da.

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum …
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was giebt’s da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
All die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elephanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
Dicke Kerle mit rothen Nasen,
Reiche Hunde und arme Schlucker
Und Alles, Alles aus purem Zucker!

Ein alter Herr mit weissen Bäffchen
Hängt grade unter einem Aeffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
Ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –
Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
Und um die Wette mit den Kerzen
Puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre grossen, blauen Augen leuchten,
Indess die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,
Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

Und zwar zumeist um unser Büreau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
Aus Zinkblech eine Eisenbahn,
Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
Der Reichstag interessirt uns heut mehr;
Auch sind wir verliebt in die Regeldetri
Und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!

Nur eben heute nicht, heute, heute!

Ueber uns kommt es wie ein Traum,
Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
An dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
Aus fernen Zeiten an uns vorüber
Und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Lyrikmail #1182

Arno Holz (1863-1929) 

Wintergroßstadtmorgen

Durch
die Friedrichstraße, die
scheußlich
gußeisernen Gaslaternen brennen nur halb,
die
grauen, häßlichen, eintönig toten
Häuserfronten
zwiedämmern schon, der dunsttrübe Wintermorgen
fröstelt,
den alten WeichRauschhavelock kinnunterverknöpft, den kalten,
feuchten,
strohhalmzerknautschten Virginiastummel
schief,
die Seele lasch, die
sogenannten Sinne in jedem sogenannten Sinne
leer,
herzdumpf, schlappschlaff, hirnstumpf,
ausgelaugt
schlendere ich, trolle ich, bummele
ich
nach… Hause.

Auf dem schwarzen Asphalt,
verdrossen-gleichmütig,
immer einer hinter dem andern,
in
schräger Reihe,
eine
den fahlen, dreckigen, klatschklitschig klumpigen
Eis- und Schneematsch
mit
breiten
Gummiglitschen
vor sich
herschiebende,
herschubbende, herstubbende
Kolonne;
ein
letzter, müder,
kopfwippnickender, altersschwach klappernder
Droschkengaul;
ein
mit einem
großen, geflochten halbrundbügeligen, wachsleinewandverdeckten
Semmelkorb,
schlafschwer, seines Weges
daherstolpernder,
mehlweißblasser, sich mit seinem
linken
Handrücken blöde die Augen reibender
Bäckerjunge;
an
einer Ecke, unweit einer
Litfaßsäule,
die
von einem fix geschäftigen,
schirmmützigen,
kniehoch-engen kanonenstiebeligen Kittelaujust
mit
Pinsel, Leiter,
Eifer,
Glattstreichbrett und Kleistereimer,
Plakatblatt um Plakatblatt,
eben
gerade wieder frisch beklebt wird,
ein interessiert gelangweilt zukuckender Schutzmann, der gähnt,
zwischen zwei Dämchen,
die
eine balanziert zwei Schirme, die andre den Stock,
torkelnd, rülpsend,
beide Arme zweischläfrig eingehenkelt,
das
arisch feudale, agrarisch
martiale,
verwogen, oliven, verbogen
kecke,
herausfordernde,
gänzlich
unangebracht, abenteuerlich, romantisch
süddeutsch
spielhahnfederige
Lodenhütchen
kreuzfidel im Genick,
ein
Betrunkener.

In mir,
langsam, schwankend,
allmählich,
traumdeutlich, traumwirklich.
traumlebendig,
traumwahr, traumklar
steigt
ein Bild auf!

Ein… grüner Wiesenplan… ein
lachender, lustiger,
lichtblauer
Frühlingshimmel,
ein
weißes… Schloß mit… weißen
Nymphen.
Davor ein… riesiger
Kastanienbaum,
der
breitweitschattend, bodentiefästig, kronausladend,
seine
prangenden, prunkenden,
prächtigen,
herrlichen, roten, stolzen, feierlichen
Blütenkerzen
in
einem
stillen Wasser spiegelt!

Lyrikmail #1072 Holz

Sanft hinverschmelzendes Largo

Mein… Glück? …Mein
Glück?

Mein Glück
ist ein spielendes Blatt im Sommerwind,
der
leichte,
flüchtige, zierliche
Schatten,
mit
dem mich, zwitschernd, die Schwalbe streift,
das
letzte, fernhochschwebend stille,
reglos
schimmernde,
flimmernde, glimmernde
Purpurwölkchen,
das
nach einem leuchtend langen, schönen, golden klaren Sonnentag,
in
einem zarten,
lichten,
himmlisch überirdischen Blaßgrün,
schwindend, scheidend,
selig
versinkt!

Arno Holz (1863-1929)