Du liebst und schweigst

Du liebst und schweigst – O hätt ich auch geschwiegen,
Und meine Blicke nur an dich verschwendet!
O hätt ich nie ein Wort dir zugewendet,
So müßt ich keinen Kränkungen erliegen!

Doch diese Liebe möcht ich nie besiegen,
Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet!
Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet,
Wo selig Engel sich an Engel schmiegen.

Drum laß des Wahns mich, daß du liebst, mich freuen,
Damit die Seele nicht mir ganz veröde,
Und meinen Glauben möge nichts zerstreuen!

O Glück, verweigre nicht mir allzuschnöde
Den Tag, an welchem seinem Vielgetreuen
Die ganze Seele zeigt der schöne Spröde!

August von Platen (1796-1835)

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(Lyrikmail #155)

Lyrikmail #2261 Platen

Mein Herz ist zerrissen, du liebst mich nicht!
Du ließest mich’s wissen, du liebst mich nicht!
Wiewohl ich dir flehend und werbend erschien,
Und liebesbeflissen, du liebst mich nicht!
Du hast es gesprochen, mit Worten gesagt,
Mit allzugewissen, du liebst mich nicht!
So soll ich die Sterne, so soll ich den Mond,
Die Sonne vermissen? du liebst mich nicht!
Was blüht mir die Rose? was blüht der Jasmin?
Was blühn die Narzissen? du liebst mich nicht!

August von Platen (1796-1835)

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen …: Ein Lesebuch

Lyrikmail #2221 Platen

Selbstlob

Wie? mich selbst je hätt ich gelobt? Wo? Wann? Es entdeckte
Irgend ein Mensch jemals eitle Gedanken in mir?
Nicht mich selber, ich rühmte den Genius, welcher besucht mich,
Nicht mein sterbliches, mein flüchtiges, irdisches Nichts!
Weil ich bescheiden und still mich selbst für viel zu gering hielt,
Staunt ich in meinem Gemüt über den göttlichen Gast.

August von Platen (1796-1835)

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen …: Ein Lesebuch

Lyrikmail #2138 Platen

Da, wie fast ich muß vermuten, deine Liebe lau
geworden,
Fürcht ich, daß die braune Scheitel über Nacht mir
grau geworden!
Geizest du mit Augenblicken, die mir mehr als dir
gehören?
Bist du, lieblicher Verschwender, plötzlich so genau
geworden?
Haben deiner Treue Rosen sich als Dorn den Stolz
erlesen?
Sind der Liebesgöttin Tauben wie der Juno Pfau
geworden?
Wenn dich Weiber mir gestohlen, werden sie so lang
dich fesseln,
Bis der Tempel deiner Glieder ein zerstörter Bau
geworden.
Oder willst du bloß mich locken, den du längst im
Netz gefangen,
O so lohnt sich’s nicht der Mühe, daß du kalt und
schlau geworden!

August von Platen (1796-1835)

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen …: Ein Lesebuch