Lyrikmail #2016 Platen

Ich bin wie Leib dem Geist

Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;
Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,
Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg
Mit ew’gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?
Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,
Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;
Was willst du noch? Was blickt die Sehnsucht noch umher?
Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir!

August von Platen (1796-1835)

Hintergrund zum Text hier: http://www.dradio.de

Lyrikmail #1749 Platen

August von Platen (1796-1835)

Was will ich mehr, als flüchtig dich erblicken?
Was wär ich, trüg ich heißeres Verlangen?
In welche Netze würd ich, wenn ich hangen
An deinem Auge bliebe, mich verstricken!

Was will ich mehr noch, als ein eilig Nicken?
Es würden deine Worte mich befangen:
Vom Schützen wird ein Vogel rasch umgangen,
Wenn mehr er will, als an der Kirsche picken.

Wohl mögen Reize, die so ganz dein eigen,
Den Wunsch der Sehnsucht in den Andern wecken,
Sich dir zu nahn und dir ein Herz zu zeigen.

Ich werde nur, wenn Jene sich entdecken,
Vor deiner Schönheit huldigend mich neigen,
Nicht Eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!


aus: Platen Gedichte (Ausgabe 1834).

Lyrikmail #1692 Platen

August von Platen (1796-1835)

Aschermittwoch

Wirf den Schmuck, schönbusiges Weib, zur Seite,
Schlaf und Andacht teilen den Rest der Nacht nun;
Laß den Arm, der noch die Geliebte festhält,
Sinken, o Jüngling!

Nicht vermummt mehr schleiche die Liebe, nicht mehr
Tret’ im Takt ihr schwebender Fuß den Reigen,
Nicht verziehn mehr werde des leisen Wortes
Üppige Keckheit!

Mitternacht ankünden die Glocken, ziehn euch
Rasch vom Mund weg Küsse zugleich und Weinglas:
Spiel und Ernst trennt stets ein gewagter, kurzer,
Fester Entschluß nur.

Lyrikmail #1678

August von Platen (1796-1835)

Bilder Neapels

1827.

Fremdling, komm in das große Neapel, und sieh’s, und stirb!
Schlürfe Liebe, genieß des beweglichen Augenblicks
Reichsten Traum, des Gemütes vereitelten Wunsch vergiß,
Und was Quälendes sonst in das Leben ein Dämon wob:
Ja, hier lerne genießen, und dann, o Beglückter, stirb! –

Im Halbzirkel umher, an dem lachenden Golf entlang,
Unabsehlich benetzt von dem laulichen Wogenschwall,
Liegt von Schiffen und hohen Gebäuden ein weiter Kreis;
Wo sich zwischen die Felsengeklüfte des Bacchus Laub
Drängt, und stolz sich erhebt in die Winde der Palmenschaft. –

Stattlich ziehn von den Hügeln herab sich die Wohnungen
Nach dem Ufer, und flach, wie ein Garten, erscheint das Dach:
Dort nun magst du die See von der Höh und den Berg besehn,
Der sein aschiges Haupt in den eigenen Dampf verbirgt,
Dort auch Rosen und Reben erziehn und der Aloe
Starken Wuchs, und genießen die Kühle des Morgenwinds. –

Fünf Kastelle beschirmen und bändigen keck die Stadt:
Dort Sankt Elmo, wie droht’s von dem grünenden Berg herab!
Jenes andere, rings von Gewässer umplätschert, einst
War’s der Garten Lukulls, des entthronten Augustulus
Schönes Inselasyl, in die Welle hinausgestreckt. –

Wo du gehst, es ergießen in Strömen die Menschen sich:
Willst zum Strande du folgen vielleicht und die Fischer sehn,
Wie mit nerviger Kraft an das Ufer sie ziehn das Netz,
Singend, fröhlichen Muts, in beglückender Dürftigkeit?
Und schon lauert der bettelnde Mönch an dem Ufersand,
Heischt sein Teil von dem Fang, und die Milderen reichen’s ihm.
Ihre Weiber indes, in beständiger Plauderlust,
Sitzen unter den Türen, die Spindel zur Hand, umher.
Sieh, da zeigt sich ein heiteres Paar, und es zieht im Nu
Kastagnetten hervor und beginnt die bacchantische
Tarantella, den üppigen Tanz, und es bildet sich
Um die beiden ein Kreis von Beschauenden flugs umher;
Mädchen kommen sogleich und erregen das Tamburin,
Dem einfacheren Ohr der Zufriedenen ist’s Musik:
Zierlich wendet die Schöne sich nun, und der blühende
Jüngling auch. Wie er springt! wie er leicht und behend sich dreht,
Stampfend, Feuer im Blick! Und er wirft ihr die Rose zu.
Anmut aber verläßt den Begehrenden nie, sie zähmt
Sein wollüstiges Auge mit reizender Allgewalt:
Wohl dem Volke, dem Glücklichen, dem die Natur verliehn
Angeborenes Maß, dem entfesselten Norden fremd! –

Durchs Gewühle mit Müh, ein Ermattender, drängst du dich
Andre Gassen hindurch; der Verkäufer und Käufer Lärm
Ringsum. Horch, wie sie preisen die Ware mit lautem Ruf!
Käuflich Alles, die Sache, der Mensch, und die Seele selbst.
Aus Karossen und sonstigem Pferdegespann, wie schrein
Wagenlenker um dich, und der dürftige Knabe, der
Auf die Kutsche sogleich, dir ein Diener zu sein, sich stellt.
Sieh, hier zügelt das Kabriolett ein beleibter Mönch,
Und sein Eselchen geißelt ein anderer wohlgemut.
Kuppler lispeln indes, und es winselt ein Bettler dir
Manches Ave, verschämt das Gesicht mit dem Tuch bedeckt.
Dort steht müßiges Volk um den hölzernen Pulcinell,
Der vom Marionettengebälke possierlich glotzt;
Hier Wahrsager mit ihrer gesprenkelten Schlangenbrut. –

Alles tummelt im Freien sich hier: der geschäftige
Garkoch siedet, er fürchtet den seltenen Regen nicht;
Ihn umgibt ein Matrosengeschwader, die heiße Kost
Schlingend gierigen Muts. An die Ecke der Straße dort
Setzt ihr Tischchen mit Kupfermoneten die Wechslerin,
Hier den Stuhl der gewandte Barbier, und er schabt, nachdem
Erst entgegen dem sonnigen Strahl er ein Tuch gespannt.
Dort im Schatten die Tische des fertigen Schreibervolks,
Stets bereit zu Bericht und Suppliken und Liebesbrief:
Ob ein Knabe diktiere der fernen Ersehnten sein
Seufzen, oder ein leidendes Weib den verwiesenen
Gatten tröste, verbannt nach entlegener Insel, ihn,
Der sein freies Gemüt in dem untersten Kerker quält
Hoffnungslos, und den Lohn, der erhabenen Tugend Lohn
Erntet.- Aber entferne die schattende Wolke, Schmerz! –

Auch zum Molo bewegt sich die Menge, wo hingestreckt
Sonnt die nackenden Glieder der bräunliche Lazzaron.
Capri siehst du von fern in dem ruhigen Wellenspiel;
Schiffe kommen und gehn, es erklettern den höchsten Mast
Flugs Matrosen, es ladet die Barke dich ein zur Fahrt.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, Jung und Alt,
Stehend, sitzend, zur Erde gelagert und übers Knie
Beide Hände gefaltet, in horchender Wißbegier:
Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds;
Oft durch Glossen erklärt er die schwierigen Stanzen, oft
Unterbrechen die Hörer mit mutigem Ruf den Mann.
Aufersteh o Homer! Wenn im Norden vielleicht man dich
Kalt wegwiese von Türe zu Tür, oh so fändst du hier
Ein halbgriechisches Volk und ein griechisches Firmament! –

Mancher Dichter vielleicht, in der Öde des Nords erzeugt,
Schleicht hier unter dem Himmel des Glücks, und dem Heimatland
Stimmt er süßen Gesang und gediegenen Redeton,
Den es heute vermag zu genießen und morgen noch,
Der zunimmt an Geschmack mit den Jahren, wie deutscher Wein:
Freiheit singt er und männliche Würde der feigen Zeit,
Schmach dem Heuchler und Fluch dem Bedrücker und Jedem, der
Knechtschaft prediget, welche des Menschengeschlechts Verderb.
Ach, nicht wähnt er den Neid zu besiegen und weilt entfernt,
Taub den Feinden und hoffend, es werde die spätre Welt
Spreu von Weizen zu scheiden verstehn. – Wie erhaben sinkt
Schon die Sonne! Du ruhst in der Barke, wie süß gewiegt!
Weit im Zirkel umher, an dem busigen Rand des Golfs,
Zünden Lichter und Flämmchen sich an in Unzähligkeit,
Und mit Fackeln befahren die Fischer das goldne Meer.
O balsamische Nächte Neapels! Erläßlich scheint’s,
Wenn auf kurze Minuten das schwelgende Herz um euch
Selbst Sankt Peter vergißt und das göttliche Pantheon,
Monte Mario selbst, und o Villa Pamfili, dich,
Deiner Brunnen und Lorbeerumschattungen kühlsten Sitz! –

Doch der Morgen erscheint, und der Gipfel des Tags nach ihm:
Traust du schon dem Gelispel der Welle dich an? Wohin?
Führt ein Wind die Orangengerüche Sorrents heran?
Ja, schon schimmert von fern an dem Strande, mit Tassos Haus,
Jene felsige Stadt, die berauschende, voll von Duft.

Lyrikmail #1519

Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)

Tiflis

Verschiedenes

Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her.
  Doch irrst du, Freund, sobald du sagst, sie schwanke hin und her!
  Es wurzelt ja so fest ihr Fuß im tiefen Meeresgrund,
  Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her.
                        Platen

1.

Wodurch ist Schiras wohl, die Stadt,
Berühmt mit Ros’ und Wein geworden?
Wodurch berühmt der Roknabad,
Berühmt Mosellas Hain geworden?

Nicht ihre Schönheit war der Grund,
Viel Schöneres auf Erden gibt es –
Sie sind berühmt durch dein Gedicht,
Durch dich, Hafis! allein geworden!

Das Bonzentum hast du gestürzt,
Und Schiras’ Ruhm hast du gegründet –
Es ist durch dich das Kleine groß,
Durch dich das Große klein geworden!

Verherrlicht hast du Stadt und Hain,
Verschönt den Strom und seine Ufer –
Durch dich ist jeder Stein der Stadt
Zu einem Edelstein geworden!

Auch Tiflis ist an Schönheit reich,
Hat Rosen, Wein und schmucke Mädchen –
Und durch dich selbst Mirza-Schaffy,
Ist auch ein Sänger sein geworden!

Drum soll, was Schiras durch Hafis,
Tiflis durch deine Lieder werden –
Denn aller Zubehör ist dir
Im herrlichsten Verein geworden.

Die stromdurchrauschte Gartenstadt,
Umragt von himmelhohen Bergen,
Und was darinnen blüht und lebt,
Mirza-Schaffy! ist dein geworden!

Ihr schönen Mädchen (merkt euch das!)
Gehört jetzt mir und meinem Liede!
Mein sind nun Augen, Wang’ und Mund
Samt ihrem Glanz und Schein geworden!

Zum Paradiese wird mein Lied
Für Schönheit, Blumen, Wein und Liebe –
Was eingeht in dies Paradies,
Ist aller Sünden rein geworden!

Doch eine Hölle wird es sein
Für Bonzen, Kuß- und Weinverächter –
Für dies Geschlecht ist jeder Vers
Zur Stätte ewiger Pein geworden!

So soll durch alle Lande nun,
Mirza-Schaffy, dein Lied ertönen –
Für alles schöne Sein und Tun
Ist es ein Widerschein geworden.

Du sandtest deine Jünger aus,
Und es geschah, wie du verheißen:
Berühmt ist Tiflis durch dein Lied
Vom Kyros bis zum Rhein geworden.


aus: Die Lieder des Mirza-Schaffy.