Und sehr

Und–sehr . .
Ballade des äußeren Lebens

Nach Hugo von Hofmannsthal

Und Kinder wachsen mit sehr weißen Zähnen,
Die dann so gelb doch werden wie die Primeln,
Und alle gehen wir uns müd, und gähnen.

Und grüne Pflaumen hangen in den Himmeln,
Die blau wie tote Schwalben niederschlagen
Und sehr bekümmert liegen, und verschimmeln.

Und immer weht der Wind in unsern Tagen,
Und immer reden wir sehr viele Worte,
Und selten solche, die uns selbst behagen.

Und Wege laufen sehr umher, und Orte
Sind da und dort, und auch bemerkenswerte,
Von dieser sehr und auch von jener Sorte:

Und Formen sind auch manchmal, sehr verehrte,
Und wo sie sich zu einer Wölbung fügen,
Da scheint sehr nah, was ferne sich verwehrte..

Allein wozu? Sehr flüchtig ist ihr Trügen
Und sehr belanglos dies gesehen haben,
Da wir uns selbst nur sehr und meistens rügen.

Was frommt dies Spiel uns früh gebleichten Knaben,
Die einsam wir und so verschieden sind
Und gern uns mit uns selber nur begaben?

Wie könnten wir an allem dem genesen?
Und dennoch sagt sehr viel, der »Pleite« sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

Wie stille Tropfen aus den hohlen Käsen.

Hanns von Gumppenberg (1866-1928)


Das Teutsche Dichterroß (TREDITION CLASSICS)

(Lyrikmail #385)

Liebesjubel

nach Wilhelm Müller

Ich ritzt’ es gern in alle Rüben ein,
ich stampft’ es gern in jeden Pflasterstein,
ich biss’ es gern in jeden Apfel rot,
ich strich’ es gern auf jedes Butterbrot,
auf Wand, Tisch, Boden, Fenster möcht’ ich’s schreiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!

Ich schör’ es gern in jede Taxusheck,
graviert’ es gern in jedes Eßbesteck,
ich sät’ es gern als lecker grüne Saat
ins Gartenbeet mit Kohlkopf und Salat,
in alle Marzipane möcht’ ich’s drücken
und spicken gern in alle Hasenrücken
und zuckerzäh auf alle Torten treiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!

Ich möcht’ mir ziehn ein junges Känguruh,
bis daß es spräch’ die Worte immerzu;
zehn junge Kälbchen sollen froh sie brüllen;
hell wiehern hundert buntgescheckte Füllen;
trompeten eine Elefantenherde –
ja, was nur kreucht und fleucht auf dieser Erde,
das soll sie schmettern, pfeifen, quaken, bellen,
bis daß es dröhnt in allen Trommelfellen
mit einem Lärm, der gar nicht zu beschreiben
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!!!

Hanns von Gumppenberg (1866-1928)


Das Teutsche Dichterroß (TREDITION CLASSICS)

(Lyrikmail #2323)

Ordnung muss sein!

Unter den Bäumen
Mußt du träumen!
Unter den Fichten
Mußt du dichten!
Unter den Rosen
Mußt du kosen!
Unter Reseden
Mußt du reden!
Unter den Birken
Mußt du wirken!
Unter den Eichen
Mußt du erbleichen!
Unter den Erlen
Reihe Perlen,
Unter Kastanien
Denk’ an Spanien!
Unter den Linden
Wirst du sie finden!
Unter den Buchen
Mußt du fluchen —
Doch unter Palmen
Singe Psalmen!
Unter der Haselnuß
Gib deiner Bas’ ‘n Kuß!
Unter den Feigen
Mußt du schweigen.

nach Adolf Bekk

Hanns von Gumppenberg (1866-1928)


 

Hanns Theodor Wilhelm Freiherr von Gumppenberg (* 4. Dezember 1866 in Landshut; † 29. März 1928 in München) war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Kabarettist und Theaterkritiker. Er benutzte die Pseudonyme Jodok und Professor Immanuel Tiefbohrer. (Wikipedia)

 

Zum Weiterlesen: Das deutsche Dichterroß in allen Gangarten vorgeritten

(Lyrikmail #1434)

Sommermädchenküssetauschelächelbeichte

nach O. J. Bierbaum anderen und Wortkopplern

An der Murmelrieselplauderplätscherquelle
Saß ich sehnsuchtstränentröpfeltrauerbang:
Trat herzu ein Augenblinzeljunggeselle
In verweg’nem Hüfteschwingeschlendergang,
Zog mit Schäkerehrfurchtsbittegrußverbeugung
Seinen Federbaumelriesenkrämpenhut –
Gleich verspürt’ ich Liebeszauberkeimeneigung,
War ihm zitterjubelschauderherzensgut!

Nahm er Platz mit Spitzbubglücketückekichern,
Schlang um mich den Eisenklammermuskelarm:
Vor dem Griff, dem grausegruselsiegesichern,
Wurde mir so zappelseligsiedewarm!
Und er rief: “Mein Zuckerschnuckelputzelkindchen,
Welch ein Schmiegeschwatzeschwelgehochgenuß!”
Gab mir auf mein Schmachteschmollerosenmündchen
Einen Schnurrbartstachelkitzelkosekuß.

Da durchfuhr mich Wonneloderflackerfeuer –
Ach, das war so überwinderwundervoll.
Küßt’ ich selbst das Stachelkitzelungeheuer,
Sommersonnenrauschverwirrungsrasetoll!
Schilt nicht, Hüstelkeifewackeltrampeltante,
Wenn dein Nichtchen jetzt nicht knickeknirschekniet,
Denn der Plauderplätscherquellenunbekannte
Küßte wirklich wetterbombenexquisit!!

Hanns von Gumppenberg (1866-1928)


Das Teutsche Dichterroß (TREDITION CLASSICS)

(Lyrikmail #297)