regenwürmer

in jenem sommer lag die erde rissig
und trocken da. mit wechselstrom und drähten
im boden schufen wir ein falsches wetter
und lockten würmer hoch, um jene zwitter
an blanke haken auszuliefern. jahre später

seh ich am himmel ihre schatten ziehen, riesig,
in dunklen wolken, präsentiert sich mir die welt
vorm fenster als kaltes quadrat. ich warte auf das klopfen
an meiner tür und vor der scheibe fällt und fällt
der regen. ich mißtraue jedem tropfen.

Jan Wagner (*1971)


Lyriker Jan Wagner gewinnt Leipziger Buchpreis 2015

(Lyrikmail #576 – verschickt am 30.07.2003)

eisfischen im felsengebirge

wir kamen mit der dämmerung an.
der motor rollte sich ein, wir zogen
allein durch die stille, unsere spuren
die nabelschnur im schnee.

den haken lösend bemerkten wir
den laich um unsere stiefel herum
verstreut – die winzigen
perlen eines geplatzten kolliers.

die sonne sinkt früh im gebirge.
haarfeine blitze jagten den ufern zu.
im dichten schneegestöber wirkte es fast
als treibe unser wagen langsam davon.

Jan Wagner (*1971)


 
Im Juni 2003 präsentierte die in Berlin erscheinende Literaturzeitschrift Lose Blätter Texte ihrer Autoren in Lyrikmail. Das Gedicht von Jan Wagner erschien in Heft 17.

(Lyrikmail #552)

dezember 1914

„One of the nuts belonging to the regiment got out of the
trenches and started to walk towards the German lines.“

natürlich dachten wir, daß sie plemplem
geworden waren, als sie ungeschützt
aus ihrer deckung traten, nur mit plum-
pudding und mistelzweig – doch kein geschütz

schlug an. wir trafen sie im niemandsland,
unschlüssig was zu tun sei, zwischen gräben
und grenzen, schlamm und draht, und jede hand
an ihrer hosennaht. bis wir die gaben

verteilten: einer hatte zigaretten
dabei und einer bitterschokolade,
ein dritter wußte mittel gegen ratten
und läuse. die an diesem punkt noch lade-

hemmung hatten, zückten nach dem rum
familienfotos, spielten halma
und standen lärmend, wechselten reihum
adressen, uniformen, helme,

bis kaum etwas im schein der leuchtspurgarben
auf diesem aufgeweichten, nackten anger
zu tauschen übrig blieb außer den gräben
im rücken, ihrem namenlosen hunger.

Jan Wagner (*1971)

aus: Im Heiligkeitsgedränge – Neue Weihnachtsgedichte
Hg. Tom Bresemann, Verlag Lettrétage, Berlin 2010
32 Seiten, handgebunden, limitierte Erstauflage
ISBN 978-3-9812062-4-1, 8 Euro, im Buchhandel,
bei amazon oder direkt beim Verlag: vertrieb@verlag.lettretage.de

Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).

(Lyrikmail #2330)

wippe

mach dich schwerer, rufen sie, also schließe
ich beide augen, denke
an säcke voll zement und eisengieße-
reien, elefanten, an den anker

in seinem schlamm, wo ein manöver wale
vorübergleitet, an das bullenhaupt
eines ambosses. nur eine weile
die luft anhalten, warten. doch nichts hebt

sich oder senkt sich, während ein fasan
schreit und die blätter fallen – meine unwilligen
beine zu kurz, um je den grund zu fassen,
mein kopf beinahe in den wolken.

Jan Wagner (*1971)


 

aus: Australien Berlin Verlag, Oktober 2010

(Lyrikmail #2307)

elegie für knievel

„God, take care of me – here I come…“

die landschaft zog schlieren, sobald sie ihn sah.
ein draufgänger, ein teufelskerl
mit einem hemd voller sterne
und stets verfolgt von dem hornissenschwarm
des motorenlärms. die knochen brachen,
die knochen wuchsen zusammen, und er sprang.

wieviele hindernisse zwischen rampe
und jenem fernen punkt?
wieviele ausrangierte doppeldecker?
was war ihm der zweifel, der sich eingräbt
im innern, bis ein ganzer cañon klafft
mit rieselndem sand an den rändern,
den schreien großer vögel?

nachmittage, an denen sich die geschichte
für einen augenblick niederließ,
um nach popcorn und abgas zu duften.
wie hier, in yakima, washington,
mit diesem zerbeulten mond überm stadion
und tausenden, denen der atem stockt:
fünfzehn, zwanzig busse und das rad
steht in der luft.

Jan Wagner (*1971)


 

aus: „Australien“, Berlin Verlag 2010

Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die Lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert gegenwärtliche Gedichte deutschsprachiger und internationaler Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti), Veranstalter (u.a. für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage) und Heraugeber (u.a. Wat los, Parzen?).

(Lyrikmail #2275)