Lyrikmail #2394 Holz

Ich bin der reichste Mann der Welt! // Meine silber-
nen Yachten / schwimmen auf allen Meeren. // Gold-
ne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan, / in
himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlös-
ser, / auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gär-
ten. // Ich beachte sie kaum. // An ihren aus Bronze
gewundenen Schlangengittern / geh ich vorbei, / über
meine Diamantgruben / lass ich die Lämmer grasen. //
Die Sonne scheint, / ein Vogel singt, / ich bücke
mich / und pflücke eine kleine Wiesenblume. // Und
plötzlich weiss ich: ich bin der ärmste Bettler! // Ein
Nichts ist meine ganze Herrlichkeit / vor diesem
Thautropfen, / der in der Sonne funkelt.

Arno Holz (1863-1929)

Phantasus

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  1. obwohl es sich um ein dualistisches gedicht handelt (mikro/makro, innen/aussen, ich/welt, bewußtsein/materie) und damit der klassischen urschizophrenie der menschheit verhaftet ist, gberührt es mich sehr und gehört nun zu meinen lieblingsgedichten! schande, wie unaufmerksam ich den phantasus einst las, daß es mir entfiel 🙂 umso dankbarer daß es durch lyrikmail wieder ins bewußtsein rückt… eine denkbare fortsetzung wäre vielleicht die umkehrung: daß das funkeln des tautropfens eines “herrlich” wahrnehmenden subjekts bedarf, um in seiner schönheit überhaupt derart poetisch erkannt zu werden – denn an dem punkt wird es dann irrelevant, auf welcher seite der situation man steht: erst beide zusammen ergeben die “wirklichkeit”, wie sie einem in diesem gedicht gänsehaut verschafft. aber Holz wäre ein vorläufer/verbündeter Heisenbergs, wenn er das in solch einer quasi-zen-haltung begriffen hätte. ich habs: Whitman & Holz kombiniert! DAS wäre dann wohl die “elektrisch” funkelnde synthese aus befreitem naturalismus und früher neurobiologie… egal, das gedicht ist einfach wunderschön ;-P