Von Perlen baut sich eine Brücke

Von Perlen baut sich eine Brücke
Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
Und wer sie künstlich hat gefügt?

Friedrich Schiller (1759-1805)


Lösung

Buchtipp: Sämtliche Werke in fünf Bänden Deutscher Taschenbuch Verlag

(Lyrikmail #984)

Bewaffneter Friede

Ganz unverhofft, an einem Hügel,
Sind sich begegnet Fuchs und Igel.
„Halt“, rief der Fuchs, „du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
Und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
Der immer noch gerüstet geht? –
Im Namen Seiner Majestät,
Geh her und übergib dein Fell!“
Der Igel sprach: „Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen,
Dann wollen wir uns weitersprechen.“
Und alsogleich macht er sich rund,
Schließt seinen dichten Stachelbund
Und trotzt getrost der ganzen Welt,
Bewaffnet, doch als Friedensheld.

Wilhelm Busch (1832-1908)


 

Buchtipp: Und die Moral von der Geschicht: Sämtliche Werke I und II

(#736)

Pause

Wenn Augen vom Morgen
Schon wissen
Geht Merlin durch meinen Garten
Alle Blumen verneigen sich
Eine zeigt Zunge

Es wachen Gesichter
In alten Seidenkissen
Flüstern Fischworte
Und ein Fremder löst
Die Fäden von deinen Füßen

Im Morgenlicht
Werden Stühle aufgestellt
Für Wiederholungen
Für Wiederholungen
Von gestern

Regine Mönkemeier (*1938)


(c) bei der Autorin

die Autorin lebt in Lübeck; Herausgeberin der Literaturzeitschrift DER DREISCHNEUSS (http://www.dreischneuss.de) sowie lyrischer Einzeltitel und Kunstblätter im MARIEN-BLATT VERLAG; zehn Gedichtbände seit 1996, zuletzt LICHT VOM LICHT, MARIEN-BLATT VERLAG, Lübeck 2000.

PAUSE entnahmen wir der Lyrikanthologie NordWestSüdOst, Edition YE, Sistig/Eifel 2003 Herausgegeben von Theo Breuer, Anfragen und Bestellungen per Email: mailto:EditionYE@t.online.de oder http://editionye.blogspot.de/

(#729)

Im Frühling

Leise sank von dunklen Schritten der Schnee,
Im Schatten des Baums
Heben die rosigen Lider Liebende.

Immmer folgt den dunklen Rufen der Schiffer
Stern und Nacht;
Und die Ruder schlagen leise im Takt.

Balde an verfallener Mauer blühen
Die Veilchen,
Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen.

Georg Trakl (1887-1914)


Buchtipp: Georg Trakl von Gunnar Decker. Die Biographie eines “unlebbaren Lebens”.

(Lyrikmail #480)

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